Modifizierte Biopolymere

Funktionelle, biobasierte Materialien sind als Filmbildner für funktionelle Schichten, als Trägersysteme für Wirk- und Effektstoffe oder als nachhaltige Alternative zu synthetischen Polymeren gefragt. Am Fraunhofer IGB passen wir die Eigenschaften von Biopolymeren – ob Gelatine und Kollagen, Chitosan oder Inulin – durch chemische Modifizierung gezielt an die je nach Einsatzgebiet unterschiedlichen Bedürfnisse an. So können wir Eigenschaften wie die Viskosität, die Löslichkeit oder auch die Ladung des Biopolymers zielführend verändern. Zudem skalieren wir die Modifizierung bis in den 10-Liter-Maßstab, um Mustermengen konsistenter Qualität im Kilogramm-Maßstab herzustellen, reinigen und trocknen das Produkt und führen erste Anwendungstests in unseren Laboren durch.

Herausforderung: Optimierte anwendungsspezifische Eigenschaften von Biopolymeren

Funktionelle, biobasierte Materialien gewinnen in vielen Anwendungen zunehmend an Bedeutung – etwa als Filmbildner für funktionelle Schichten, als Trägersysteme für Wirk- und Effektstoffe oder als nachhaltige Alternative zu synthetischen Polymeren. 

Gleichzeitig stellt die natürliche Variabilität vieler Biopolymere eine Herausforderung für reproduzierbare Formulierungen dar. Für viele Anwendungen müssen die Eigenschaften der Biopolymere zudem gezielt angepasst werden. 

Forschung und Industrie benötigen darüber hinaus größere Mustermengen modifizierter Biopolymere für eigene Anwendungstests. Hierzu ist es erforderlich, dass Modifikationen nicht nur im Labormaßstab, sondern auch in größeren Mengen reproduzierbar und mit konsistenter Qualität umgesetzt werden können. 

Unsere Lösung: Maßgeschneiderte Biopolymere durch chemische Modifizierung

Modifizierungsreaktion im 1L- Reaktor.
© Fraunhofer IGB
Modifizierungsreaktion im 1L- Reaktor.

Am Fraunhofer IGB passen wir Biopolymere, beispielsweise Proteine wie Gelatine und Kollagen, aber auch Chitosan oder Inulin, durch chemische Modifizierung gezielt an die je nach Einsatzgebiet unterschiedlichen Bedürfnisse an. Durch das Anbringen verschiedenster chemischer Funktionen (z. B. Methacrylgruppen, Thiogruppen und Benzophenone) können wir Eigenschaften wie die Viskosität, die Löslichkeit oder auch die Ladung des Biopolymers zielführend verändern. 

Skalierung der Modifizierung bis in den Kilogramm-Maßstab

Unsere hierzu entwickelten Prozesse ermöglichen die standardisierte und reproduzierbare Funktionalisierung von Biopolymeren. Durch schrittweise Skalierung unter definierten Bedingungen schaffen wir eine belastbare Grundlage für vergleichbare Materialeigenschaften und zuverlässige Produktentwicklung. Mit der Herstellung auch größerer Mustermengen funktionalisierter Biopolymere adressieren wir gezielt die Lücke zwischen Laborforschung und Anwendung.

Anwendungsspezifische Modifizierung von Biopolymeren für Beschichtungen, Verkapselung und 3D-Druck

Durch das Anbringen vernetzbarer oder hydrophober Gruppen beispielweise erzeugen wir stabilere und unlöslichere Systeme, etwa für Drug‑Delivery‑Anwendungen (Verkapselung von Wirkstoffen mit modifiziertem Inulin) oder auch für funktionelle Beschichtungen (wasserabweisende Schichten auf Textilien mit modifiziertem Chitosan).

Auch für Druck- bzw. 3D‑Druckverfahren ist die Modifizierung von Biopolymeren interessant, da hierdurch unter anderem die Viskosität temperaturunabhängig angepasst werden kann.

Anpassung von Parametern für variable Modifizierungsgrade

Um eine optimale Umsetzung und variable Modifizierungsgrade der Biopolymere zu erreichen, können verschiedene Parameter bei der Modifizierung beliebig angepasst werden, wie beispielsweise die Temperatur, der pH‑Wert durch die Verwendung eines Puffers oder eines Titrators oder auch die Dosierung der Reagenzien. Des Weiteren nutzen wir die Möglichkeit der Modifizierung unter Schutzgas oder Vakuum (bei sauerstoffempfindlichen Reagenzien) oder auch unter UV‑Ausschluss (bei lichtempfindlichen Reagenzien).

Beispiel: Modifizierungsreaktionen bei Gelatine

Modifizierungsart Eingeführte / entstehende funktionelle Gruppe Vorteile/Funktion
Methacrylierung Methacrylatgruppen (-COO-C(CH3)=CH2)
  • Photopolymerisation möglich
  • Bildung kovalenter Netzwerke
  • Gut kontrollierbare Vernetzungsdichte
Acrylierung Acrylatgruppen (-COO-CH=CH2)

Ähnlich Methacrylierung:

  • Hohe Reaktivität
  • Schnelle radikalische Vernetzung
Aminierung (EDC/NHS-vermittelt) Zusätzliche primäre Amine (–NH₂) über Amidbindung
  • Erhöhung der positiven Ladung (Kationisierung)
  • Veränderter IEP
  • Verbesserte Interaktion mit anionischen Molekülen
Thiolierung Thiol-Gruppen (-SH)
  • Disulfidbrückenbildung (redox-sensitiv)
  • Michael-Addition möglich
  • Dynamische/kontrollierte Vernetzung
  • Hohe Reaktivität bei milden Bedingungen
Acetylierung Acetylgruppen (-COCH3)
  • Reduktion der positiven Ladung (Maskierung von Aminogruppen)
  • Reduzierte intermolekulare Wechselwirkungen

 

 

Chemische Modifizierung von Biopolymeren.
© Fraunhofer IGB
Chemische Modifizierung von Biopolymeren.

Produktaufarbeitung

Tangentialflusssystem zur Aufreinigung modifizierter Biopolymere
© Fraunhofer IGB
Tangentialflusssystem zur Aufreinigung modifizierter Biopolymere

Aufreinigung der modifizierten Biopolymere

Verschiedene Aufreinigungsmöglichkeiten, wie die Dialyse oder die Tangentialflussfiltration, garantieren des Weiteren eine zügige Eliminierung unerwünschter Verunreinigungen im Produkt.

 

Trocknung

Temperaturarme Trocknungsverfahren wie die Gefriertrocknung oder die Sprühtrocknung sorgen dabei für eine schonende Trocknung der modifizierten Biopolymere und ermöglichen den Erhalt des Produkts in verschiedenen Formen, z. B. als Pulver.

Skalierung

Die Modifizierungen können in verschiedenen Maßstäben durchgeführt werden, von wenigen Gramm bis zu 100 Gramm, abhängig vom jeweiligen Biopolymer.

Funktionalisierte Gelatine: Automatisierte Herstellung und Bemusterung bis in den Kilogramm-Maßstab

Speziell zur skalierbaren Herstellung modifizierter Gelatine steht an unserem Institut ein automatisiertes Reaktorsystem mit Volumina von 1, 5 und 10 Litern zur Verfügung, mit dem chemische Modifizierungen bis in den Kilogramm-Maßstab skaliert werden können.

Automatisierten Reaktorsystem zur Skalierung der chemischen Modifizierung von Biopolymeren
© Fraunhofer IGB
Automatisierten Reaktorsystem zur Skalierung der chemischen Modifizierung von Biopolymeren
Im 1-Liter-Reaktor können in einem Ansatz 100 Gramm modifizierte Gelatine reproduzierbar und mit absolut konsistenter Qualität hergestellt werden.
© Fraunhofer IGB
Im 1-Liter-Reaktor können in einem Ansatz 100 Gramm modifizierte Gelatine reproduzierbar und mit absolut konsistenter Qualität hergestellt werden.

Automatisierte Prozesse für konsistente Materialeigenschaften

Abhängig vom jeweiligen Prozess können pro Batch bis zu einem Kilogramm funktionalisierte Gelatine hergestellt werden. Eine standardisierte und automatisierte Prozessführung stellt sicher, dass die Materialeigenschaften über verschiedene Maßstäbe hinweg reproduzierbar bleiben und Skalierungseffekte nachvollziehbar bewertet werden können.

Vergleichbare Funktionalisierungen unter definierten Prozessbedingungen

Unterschiedliche chemische Funktionalisierungen werden am Fraunhofer IGB unter vergleichbaren, standardisierten Prozessbedingungen umgesetzt. Dadurch lassen sich die Auswirkungen verschiedener Modifikationen gezielt untersuchen und direkt miteinander vergleichen. Unterschiede in den resultierenden Materialeigenschaften können so eindeutig der jeweiligen chemischen Modifikation zugeordnet werden und sind nicht auf variierende Herstellungsbedingungen zurückzuführen.

Herstellung von Mustermengen im 100-Gramm- bis Kilogramm-Maßstab

Die hergestellten Materialien stehen als Bemusterungen zur Verfügung und ermöglichen es Unternehmen und Forschungspartnern, Materialeigenschaften zu testen, Anwendungen zu evaluieren oder Machbarkeitsstudien durchzuführen. Auf dieser Basis lassen sich frühzeitig belastbare Aussagen zu Material‑ und Prozessverhalten treffen, ohne dass eigene Entwicklungs‑ oder Skalierungsprozesse aufgebaut werden müssen.

Belastbare Datenbasis für Bewertung und Transfer

Alle relevanten Prozessparameter werden systematisch erfasst und dokumentiert. Durch diese strukturierte Datengrundlage entsteht eine belastbare und vergleichbare Basis für die Bewertung der hergestellten Materialien. Dies erhöht die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Prozesse und unterstützt fundierte Entscheidungen im weiteren Entwicklungs‑ und Transferprozess.

Übertragbarkeit auf weitere biobasierte Polymere

Die eingesetzten Prozesskonzepte sind nicht auf Gelatine beschränkt, sondern grundsätzlich auch auf weitere biobasierte Polymere übertragbar. Damit unterstreicht das Fraunhofer IGB seine Kompetenz in der skalierbaren Prozess‑ und Syntheseentwicklung für biobasierte Materialien und schafft eine robuste Grundlage für die Entwicklung maßgeschneiderter Werkstoffe für unterschiedliche Anwendungsfelder.

Anwendungen und Einsatzgebiete modifizierter Biopolymere

Gefriertrocknung modifizierter Biopolymere.
© Fraunhofer IGB
Gefriertrocknung modifizierter Biopolymere.

Drug Delivery und Verkapselung

Durch das Anbringen vernetzbarer oder hydrophober Gruppen beispielweise können stabilere und unlöslichere Systeme erzeugt werden, etwa für Drug-Delivery-Systeme wie der Verkapselung von Wirkstoffen mit modifiziertem Inulin oder auch für funktionelle Beschichtungen wie wasserabweisenden Schichten auf Textilien mit modifiziertem Chitosan.

3D-Druckverfahren

Auch für Druck bzw. 3D-Druckverfahren ist das Modifizieren von Biopolymeren interessant, da hierdurch unter anderem die Viskosität temperaturunabhängig angepasst werden kann.

Aufgereinigte und gefriergetrocknete methacrylierte Gelatine
© Fraunhofer IGB
Aufgereinigte und gefriergetrocknete methacrylierte Gelatine

Anwendungsbereiche im Überblick

 

  • Wirkstofffreisetzung
  • Verkapselung von Wirkstoffen
  • Beschichtungen für Medizinprodukte
  • Beschichtungen für Textilien
  • Tinten und Formulierungen für das Bioprinting
  • Biosensorik
  • Diagnostik
  • Beauty und Kosmetik

Leistungsangebot im Überblick

  • Auswahl der passenden spezifischen Modifizierungsreaktionen
  • Durchführung der Modifizierung
  • Sklalierung und Herstellung von Mustermengen
  • Erste Anwendungstest bei uns im Labor

Zusammenarbeit

Wir modifizieren biobasierte Polymere maßgeschneidert für Ihre Anwendungen.

Kommen Sie gerne auf uns zu, wenn Sie

  • Hydrogele, Trägermaterialien oder strukturgebende Komponenten für Ihre biomedizinischen oder biotechnologischen Systeme benötigen.
  • In-vitro-Testsysteme und zellbasierte Modelle herstellen, die definierte, reproduzierbar herstellbare Materialien mit kontrollierten Oberflächen- oder Materialeigenschaften erfordern.
  • funktionelle Materialien und Beschichtungen benötigen, bei denen gezielte Wechselwirkungen, Barriere- oder Hafteigenschaften für biotechnologische, chemische oder medizinnahe Anwendungen gefordert sind.

Was wir für Sie tun

Wir beraten Sie gerne bei allen Fragestellungen rund um die Modifizierung von Gelatine und anderen Biopolymeren für Ihre Anwendung – von der Auswahl des geeigneten Biopolymers, über die Analytik und führen auch erste Machbarkeitsuntersuchungen zur Anwendung der modifizierten Polymere in unseren Labors durch.

Bei umfangreichen Projekten unterstützen wir gerne auch bei der Suche nach öffentlichen Mitteln (Bund, Land, EU) und stellen mit Ihnen einen Projektantrag beim Fördermittelgeber.

Kontaktieren Sie uns!

Haben Sie weitergehende Fragen oder ein hier nicht aufgeführtes Anliegen? Auch dann kommen Sie gerne auf uns zu, um dies in einem Gespräch zu erörtern. Wir freuen uns auf Ihren Anruf oder Ihre E-Mail und vereinbaren gerne ein erstes unverbindliches Gespräch.

Ausstattung

  • Automatisierte Reaktorsysteme mit Volumina von 1, 5 und 10 Litern zur Skalierung der chemischen Modifizierung und Herstellung von Mustermengen in kosistenter Qualität
  • Polymeranalytik
  • Tangentialflusssystem und Gefriertrockner zur Produktaufarbeitung
Automatisiertes Reaktorsystem mit Volumina von 1, 5 und 10 Litern zur Skalierung der chemischen Modifizierung von Biopolymeren  bis in den Kilogramm-Maßstab
© Fraunhofer IGB
Automatisiertes Reaktorsystem mit Volumina von 1, 5 und 10 Litern zur Skalierung der chemischen Modifizierung von Biopolymeren bis in den Kilogramm-Maßstab
Tangentialflusssystem zur Aufreinigung modifizierter Biopolymere
© Fraunhofer IGB
Tangentialflusssystem zur Aufreinigung modifizierter Biopolymere
Gefriertrockner
© Fraunhofer IGB
Gefriertrockner

Referenzprojekte im Bereich Gesundheit

 

Juni 2021 – Dezember 2022

OmniTest

Nanogel-Biosensoren für schnelle und sichere Pathogendiagnostik

Antigen-Schnelltests liefern schnell ein Ergebnis über eine Corona-Infektion – die Genauigkeit lässt, anders als beim PCR-Test, jedoch zu wünschen übrig. Ein Verbund der Fraunhofer-Institute für Produktionstechnologie IPT, für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB sowie des Fraunhofer CMI forscht daher an einer schnellen und genauen Alternative.

 

Januar 2017 – Dezember 2020

N2B-Patch

Entwicklung einer intranasalen Therapieform für die Behandlung von Multipler Sklerose

In dem von der EU geförderten Forschungsprojekt »N2B-patch« entwickelt ein internationales Konsortium eine intranasale Applikationsplattform für Biopharmazeutika gegen Erkrankungen des Zentralnervensystems (ZNS). Am Beispiel der Behandlung von Multipler Sklerose sieht der »Nose2Brain«-Ansatz vor, in Biomaterialien formulierte Wirkstoffe direkt über die Nase an den Wirkort im ZNS zu transportieren.

 

 

Januar 2017 – Dezember 2019

Dyna-Implant

Personalisierte orthopädische Implantate durch biomechanische Stimulierung von hybriden Materialien

Insbesondere aufgrund des demographischen Wandels nehmen Verletzungen oder altersbedingte Degeneration von Knorpelgewebe zu. Daraus ergibt sich ein großer Bedarf an personalisierten Therapien. Eine Lösung bietet die Herstellung von individuellen Knorpelimplantaten mithilfe additiver Verfahren. Für diesen Zweck entwickelt das Fraunhofer IGB gelatinebasierte hybride Hydrogele, welche die natürliche Gewebeumgebung von Knorpelzellen nachbilden und so die Biofunktionalität und Matrixproduktion der Zellen begünstigen.

 

November 2011 – Oktober 2015

ArtiVasc 3D

Künstliche, vaskularisierte Trägersysteme für eine 3D-Gewebe-Neubildung

Mehrlagiger Zellschichten, die über ein Versorgungssystem mit Nährstoffen versorgt werden können, ist eine bislang ungelöste Herausforderung in der regenerativen Medizin.

Referenzprojekte im Bereich Textilfunktionalisierung

 

Februar 2021 – Januar 2024

ExpandChi

Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten nachwachsender Rohstoffe in der Textilveredelung auf Basis des Biopolymers Chitosan

In einem vom Fraunhofer IGB koordinierten Projekt wurde erfolgreich gezeigt, wie Textilien mithilfe von Chitosan in Kombination mit biobasierten hydrophoben Molekülen ausgerüstet werden können – als umweltfreundliche Alternative zu perfluorierten Chemikalien. Diese Innovation könnte PFAS-Ausrüstungen mit geringeren Anforderungen ersetzen. Die entwickelten Formulierungen wurde bereits erfolgreich auf verschiedene Materialien adaptiert, darunter Papier und Pappe.

 

August 2017 – Januar 2021

Hydrofichi

Chitosan-basierte hydrophobe und schmutzabweisende Veredlung von Textilien zur Substitution von perfluorierten Chemikalien (PFCs)

Das Ziel von Hydrofichi ist die Modifikation textiler Oberflächen mittels nachwachsender Rohstoffe, um bisher eingesetzte umweltschädliche und toxische Agenzien zu ersetzen. Hierzu wird eine Chitosan-basierte hydrophobe Veredlung von Textilien entwickelt.