Flachplatten-Airlift-Photobioreaktor (FPA-PBR)

Mit den proprietären Flat-Panel-Airlift-Photobioreaktoren (FBA-PBR) stellt das Fraunhofer IGB eine Technologie bereit für die marktfähige Herstellung von Algenbiomasse mit herausragender Produktivität, Produktqualität und Kosteneffizienz. Die Reaktoren sind modular skalierbar (risikoarm) und können on-site (robust, automatisiert, Fernwartung) als Drop-in-Technologie eingesetzt werden. Damit wird der Transfer neuer Produkte in den Markt beschleunigt. 

 

Optimierter FPA-Photobioreaktor mit LED-Beleuchtung als modulare Reaktorplattform in Stack-Bauweise

Der Reaktor wurde in vielen Projekten und langjähriger Entwicklungsarbeit für die energie- und kosteneffiziente Algenkultivierung optimiert. Durch die Verwendung von künstlichem Licht (LED) und den hohen Automatisierungsgrad ermöglicht die Technologie eine konsistent hohe Produktqualität. Mit der heute hzur Verfügung stehen Technologie werden die Verfahren kostengünstiger gegenüber der Algen-Freilandkultivierung mit natürlichem Licht. Im Vergleich zur Agrarproduktion pflanzlicher Produkte bieten unsere hochproduktiven Verfahren Vorteile hinsichtlich des Land- und Wasserverbrauchs sowie eine jahreszeitlich und klimatisch unabhängige Produktion.

 

Kennzahlen des Flachplatten-Airlift-Photobioreaktorsystems (FPA-PBR)

  • Reaktormodule mit einem Volumen von je 125 Litern, die miteinander gekoppelt werden und modular skalierbar sind
  • Automatisierter Betrieb per Fernsteuerung (Remote Control) für den On-site-Einsatz
    • Abgasrückführung, Sensorik
  • Geringer Stromverbrauch durch
    • neu erarbeitetes Beleuchtungskonzept mittels LED
    • Automatisierung der Beleuchtung, Fütterung und Ernte
  • Produktionskosten im Bereich von 10-20 EUR/kg Biomasse und perspektivisch < 5 EUR/kg (bei 60 kWh/kg)
  • Möglichkeit der Nutzung von CO2 aus Punktquellen (on-site) als einzige Kohlenstoffquelle sowie von Neben- und Reststoffströmen als weitere Nährstoffe

Entwicklung des FPA-Photobioreaktors

Photobioreaktor für verbesserte Licht- und Substratversorgung

Flachplatten-Airlift (FPA)-Reaktor.
Flachplatten-Airlift (FPA)-Reaktor. Gesamtansicht und Seitenansicht mit statischen Mischern zur verbesserten Strömungsführung.

Wichtigster Prozessparameter in der Photobioreaktortechnik ist die Intensität des Lichts, die auf jede einzelne Zelle im Reaktorvolumen wirkt. Sie bestimmt die Wachstumsrate und Zellkonzentration der Algen und damit die Biomasseproduktivität. Die gleichmäßige Lichtverteilung auf alle Zellen, welche durch eine gezielte Durchmischung im Reaktor erreicht wird, ist demnach der bedeutendste Faktor in der Algenbiomasseproduktion.

Lichtversorgung aller Zellen durch geringe Schichtdicke

Im Fraunhofer IGB wurde eine Reaktorplattform entwickelt und patentiert (WO 00926833.5; EP 1326959), die nach dem Prinzip eines Airlift-Reaktors funktioniert und hinsichtlich Lichtverteilung und Energieeintrag optimiert wurde. Im Gegensatz zu bisher entwickelten Reaktoren handelt es sich beim FPA-Reaktor (Flachplatten-Airlift-Reaktor) um einen voll durchmischten Reaktor, in welchem durch eine geringe Schichtdicke und gezielte Strömungsführung über statische Mischer eine verbesserte Licht- und Substratversorgung aller Algenzellen erreicht wird.

Gezielte Strömungsführung durch statische Mischer

Zwischen den statischen Mischern erzeugen aufsteigende Gasblasen eines Luft-CO2-Gemisches ein Strömungsprofil, in dem die Algen in kurzen Zeitabständen aus der unbeleuchteten Reaktorzone zum Licht an die Reaktoroberfläche transportiert werden. Mittels dieser Technik werden hohe (direkte) Sonnenlichtintensitäten auf alle Zellen gleichmäßig verteilt. So ist garantiert, dass alle Zellen ausreichend mit Licht versorgt und hohe Zelldichten erreicht werden. Dies erhöht die Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses.

Der Reaktor wird mittels Tiefziehtechnik aus Kunststofffolie in Form von zwei Halbschalen inklusive der statischen Mischer hergestellt und ist in Größen von 6, 28 und 180 Litern über die Subitec GmbH, ein Spin-off des Fraunhofer IGB, erhältlich. Zur Skalierung in Pilotanlagen können mehrere 180-Liter-Reaktoren modular miteinander verbunden werden.

Automatisierung der Photobioreaktoren

Prozessvisualisierung auf dem Anzeige­display der Steuerung SIMATIC S7-1200.
© Fraunhofer IGB
Prozessvisualisierung auf dem Anzeige­display der Steuerung SIMATIC S7-1200.

Um den Prozessablauf auch im Freiland licht- und temperatur­unabhängig zu gestalten, wurde ein Automatisierungskonzept mit möglichst einfacher Messtechnik entwickelt. Über eine speicherprogrammierbare Steuerung (SIMATIC S7-1200, Siemens) werden sowohl die Reaktortemperatur als auch der pH-Wert in den Reaktoren geregelt.

Die Regelung des pH-Werts erfolgt über den CO2-Gehalt in der Zuluft: Je höher dieser ist, desto mehr CO2 löst sich als Kohlensäure im Kulturmedium, wodurch der pH-Wert sinkt. Dem entgegen wirkt das im Medium gelöste Ammonium: Steigt die Ammoniumkonzentration, erhöht sich der pH-Wert im Kulturmedium. Durch die kontinuierliche Regelung kann aus dem CO2-Gehalt in der Zuluft auf die Ammoniumkonzen­tration im Reaktor geschlossen werden. Dieser Zusammenhang wurde herangezogen, um den Nährstoffverbrauch im Reaktor zu ermitteln. Basierend auf diesen Berechnungen können wir erfolgreich Fütterungs- und Erntezyklen automatisieren, die eine Prozessführung unabhängig von den klimatischen Bedingungen erlaubt. Daneben ist auch eine zeitliche Steuerung von Fütterungs- und Erntezyklen möglich.

Beim Aufbau der Steuerungssoftware wurde auf ein hohes Maß an Anwender- und Bedienerfreundlichkeit geachtet. Der Gesamtprozess wird auf einem Touchpanel visualisiert und alle Online-Daten werden kontinuierlich erfasst. Die Steuerungssoftware ist modularisiert und somit einfach auf weitere Produktionsprozesse in der Algenbiotechnologie übertragbar.

Vorteile der Automatisierung

  • Kontinuierliche Prozessüberwachung
  • Automatisierte Fütterungs- und Erntezyklen möglich

Bei Abschätzung der Ammoniumkonzentration in der Kultur über den CO2-Gehalt in der Zuluft:

  • Konstante Nährstoffversorgung der Algen
  • Gleichmäßige Nährstoffkonzentration in der Kultur durch geringe Fütterungsmengen
  • Fütterung abhängig von Verbrauch, unabhängig von Witterung und damit insbesondere für die Freiland­kultivierung geeignet
  • Wachstumslimitierungen durch Mediumskomponenten sind detektierbar (über sinkende Ammonium­verbrauchs­rate)
  • Überwachung des Wachstums möglich, wenn die benötigte Ammoniummenge pro Gramm Biomasse bekannt ist

Maschinelles Lernen für die Algenkultivierung

Simulation der Lichtverteilung in einem FPA-Reaktor.
Simulation der Lichtverteilung in einem FPA-Reaktor.

Obwohl der grundlegende Mechanismus des Mikroalgenwachstums gut untersucht ist, gibt es nur wenige mathematische Modelle, mit denen das Mikroalgenwachstum abgebildet werden kann. Solche Modelle sind vor allem für die Kultivierung von Mikroalgen im großen Maßstab wichtig und dienen als Basis für ein robustes, prädiktives Steuerungssystem. Ein wesentlicher Baustein dabei sind Algorithmen, die eine automatische Optimierung der mathematischen Modelle ermöglichen. Das sogenannte maschinelle Lernen wird häufig für die Vorhersage und Optimierung in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt.

Zur Vorhersage des Wachstumsverhaltens der Mikroalge Phaeodactylum tricornutum im Freiland werden am Fraunhofer IGB sogenannte Support Vector Machines (SVM) eingesetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass das SVM‑basierte Modell die Wachstumsrate von Phaeodactylum tricornutum mit einem Korrelationskoeffizienten von 88 Prozent vorhersagen kann. Gleichzeitig ergibt ein Modell mit Monod‑Kinetik einen Korrelationskoeffizienten von 82 Prozent. Diese beiden Modelle werden sowohl im Labor‑ als auch im Pilotmaßstab weiter validiert, um eine modellprädiktive Regelung für die Mikroalgenproduktion zu etablieren.

 

Photobioreaktoren nach dem Flachplattenprinzip bieten durch ihr hohes Oberfläche-zu- Volumen-Verhältnis den großen Vorteil, besonders viel Licht auf alle Algenzellen zu verteilen. Eine gute Durchmischung des Reaktorvolumens erhöht durch Lichtintegration diesen Effekt, was im Vergleich mit anderen etablierten Systemen und je nach kultiviertem Algenstamm zu höchsten Biomasse- und Produktproduktivitäten führt.

 

Limitierungen der Freilandkultivierung

Die bisher überwiegend angewandte Freilandkultivierung von Algen, die durch stark schwankende Licht- und Temperaturbedingungen gekennzeichnet ist, ermöglicht trotz der Wahl der fortschrittlichsten Flachplatten-Reaktorsysteme wiederum nur geringe Raum-/Zeitausbeuten. Erschwerend für einen breiten Einsatz der Systeme kommt ein zu geringer Technologiereifegrad hinzu. Insbesondere für eine schnelle, modulare Skalierung und Kommerzialisierung der Technologie müssen die Investitions- und Betriebskosten signifikant gesenkt werden.

Höhere Produktivität und ganzjähriger Betrieb durch künstliche Beleuchtung

Die künstliche Beleuchtung von Photobioreaktoren stellt eine zunehmende Alternative dar, um Algen mit Photonen zu versorgen. Da die LED-Industrie in den letzten Jahren einen enormen Effizienzsprung gemacht hat sowie ein rasanter Preisverfall der kleinen SMD-Chips in der Massenfertigung stattfindet, ermöglicht dies in zunehmendem Maße einen witterungsunabhängigen Ganzjahresbetrieb industrieller Algenanlagen bei einer konstanten Produktqualität. Die Stromkosten belaufen sich dabei auf ca. 80 bis 90 Prozent der Betriebskosten, wobei die Kühlung der Systeme nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Der Energieeinsatz beläuft sich dabei bisher auf ca. 150 kWh/kg Algenbiomasse für einstufige Prozesse im industriellen Einsatz. Erste Laborergebnisse zeigen einen verbesserten Energieeinsatz von ca. 80 bis 100 kWh/kg Algenbiomasse bei einer weiteren signifikanten Steigerung der Produktivität im Vergleich mit dem volatilen Sonnenlicht in Outdoorsystemen. 

Energieeffizienz durch Stack-Bauweise

In verschiedenen Projekten ist es durch Weiterentwicklungen und Optimierung des Photobioreaktor-Systems gelungen, den Energieeinsatz pro Kilogramm Algenbiomasse weiter zu senken. So hat die Algenkultivierung mit künstlicher Beleuchtung, verglichen mit dem Flächenverbrauch landwirtschaftlicher Produktion, eine 500-fach bessere Flächenausnutzung zur Folge. Diesen Vorteil erkauft man sich mit einem hohen Elektrizitätsbedarf von ca. 70 – 100 kWh pro Kilogramm Algenbiomasse. 

Kompakter und modularer Photobioreaktor durch Stack-Bauweise

Ziel weiterer Konzepte und Untersuchungen war es, eine kostengünstige modular skalierbare Reaktorplattform zu schaffen, welche je nach Algenstamm, Markt und Produkt vorteilhaft in der Prozessindustrie eingesetzt werden kann.  Aspekte wie geringe »Downtime« durch schnelle Reinigbarkeit und Flexibilität in der Handhabung solcher Anlagen waren bei der Weiterentwicklung ebenso zu berücksichtigen wie eine gute Durchmischung und vorteilhafte Temperierung im Betrieb.

Schlüsselelement hierbei war ein neuartiger kompakter Stack-Aufbau der Photobioreaktoren zu einem modularen Reaktorsystem. Dieser zeichnet sich durch flächige LED-Beleuchtung und das Zusammenschalten der einzelnen Reaktorkammern zu einem Gesamtvolumen aus.

Vergleicht man die Ausbeuten in diesen Systemen mit der landwirtschaftlichen Produktion, kann durch die extrem kompakte Bauweise auf wenigen Quadratmetern dieselbe Menge Biomasse produziert werden, wie zuvor auf einem ganzen Hektar mit Sonnenlicht. Nutzt man für ein solches System Strom aus erneuerbaren Energien, beispielsweise durch Kopplung mit Photovoltaik, zeigt sich schon heute – je nach Produkt – ein wirtschaftlicher Betrieb.

 

Referenzprojekte

Fraunhofer-Leitprojekt »FutureProteins«

Klimawandel und Umweltbelastungen stellen die Proteinproduktion vor neue Herausforderungen. Proteinquellen aus Pflanzen, Algen, Insekten und Pilzen bieten eine Alternative zu tierischen Nahrungsmitteln. Fraunhofer verfolgt im Leitprojekt FutureProteins daher das Ziel, zukunftsweisende Technologien für die Agrarwirtschaft und die Lebensmittelindustrie zu entwickeln: Sechs Fraunhofer-Institute entwickeln gemeinsam neue innovative Anbausysteme, Gewinnungsprozesse und Verarbeitungsverfahren, um Pflanzen-, Pilz-, Insekten- und Algenproteine für die Herstellung sensorisch ansprechender, nachhaltiger und proteinreicher Nahrungsmittel nutzbar zu machen.

AlgaeTex – Herstellung von Sporttextilien aus Mikroalgen

Durch die begrenzte Verfügbarkeit fossiler Ressourcen wird es für die Textilindustrie immer wichtiger, alternative Rohstoffe für die Herstellung von Fasern in Textilien einzusetzen. Im Forschungsprojekt AlgaeTex wurden verschiedene Polymere hergestellt, die zu einem möglichst hohen Anteil aus algenbasierten Fettsäuren bestehen sollen. Ziel dabei war die Entwicklung von schmelzspinnbaren Polyestern und Polyamiden für einen möglichst breiten Einsatz in der Textilindustrie. Um einen hohen Anteil an Fettsäuren in der Biomasse anzureichern und die Konversion von Lichtenergie in Algenbiomasse zu optimieren, wurde hierfür ein neuer modularer Stack-Photobioreaktor am IGB für umfangreiche Versuche aufgebaut.

Juli 2022 – März 2023

Phyt-O-mat

Entwicklung eines modularen, künstlich beleuchteten Photobioreaktorprototyps für die Kultivierung astaxanthinhaltiger H. pluvialis Biomasse

Die Freilandkultivierung von Algen ist durch stark schwankende Licht- und Temperaturbedingungen gekennzeichnet und ermöglicht trotz fortschrittlichster Flachplatten-Reaktorsysteme nur geringe Raum-/Zeitausbeuten. Ziel des Projekts ist daher die Konzeptentwicklung und der Aufbau eines neuartigen modularen und künstlich beleuchteten Photobioreaktors. Dabei soll ein erster ultrakompakter Prototyp mit der Mikroalge Haematococcus pluvialis am Fraunhofer CBP getestet und die notwendigen Parameter für die weitere Skalierung des Systems erarbeitet werden.

FuTuRes

Bewertung eines Bioraffinerieansatzes zur Produktion von Carotinoiden und Omega-3-Fettsäuren

Ziel des Projekts FuTuReS ist die ökonomische und ökologische Charakterisierung eines Prozesses zur Co‑Produktion des Carotinoids Fucoxanthin und der Omega‑3‑Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA) mit der Kieselalge Phaeodactylum tricornutum im Industriemaßstab in Deutschland.

Automatisierungskonzept für Produktion von Algenbiomasse im Freiland

Öl aus Mikroalgen ist eine potenzielle Alternative zu pflanzlichen Biokraftstoffen und wird zur »dritten Generation« von Biokraftstoffen gezählt. Gegenüber dem Anbau höherer Pflanzen ergeben zahlreiche Vorteile: ein höherer Ertrag pro Fläche, ein verminderter Wasserbedarf und die Möglichkeit, Mikroalgen auf landwirtschaftlich nicht nutzbarer Fläche zu kultivieren.