Hochwertige Futtermittel aus Keimlingen

Presseinformation / 02. März 1998

Pflanzenkeimlinge haben das Potential, die Tierfütterung entscheidend zu verbessern: sie besitzen alle wichtigen Nähr- und Mineralstoffe in verwertbarer Form. Ein neues Keimverfahren ermöglicht ihre Herstellung unter kontrollierten Bedingungen und im großen Maßstab.

Weizenkeim
Weizenkeimling: Frühes Keimstadium mit dynamischem Stoffwechsel.
Keimanlage
Anlage zur gesteuerten Keimung von Samenkörnern.

Getreide-, Mais- oder andere Samenkörner von Pflanzen sind weltweit der meist verwendete Tierfutterzusatz. Da sie landwirtschaftlich leicht zu erzeugen sind, soll ihr Anteil am Futter weiter erhöht werden. Samenkörner besitzen zwar einen hohen Energieanteil und alle Nährstoffe, aber nur einen eingeschränkten Nährwert. Wichtige Mineralstoffe liegen nur in fest gebundener Form vor und können vom Organismus nicht verwertet werden – oder sie fehlen ganz. Damit die Tiere trotzdem alles erhalten, was für eine ausgewogene Ernährung wichtig ist und das Wachstum fördert, müssen verschiedene Zusatzstoffe etwa Aminosäuren, Mineralien wie Zink oder Phosphat zugesetzt werden. Einfacher und ernährungsphysiologisch ergiebiger wäre es, anstatt Getreidekörner frische Getreidekeimlinge zu verfüttern. Denn sie sind in ihrer Nährstoffzusammensetzung wesentlich besser als ungekeimte Körner. Bisher war es jedoch nicht möglich die schnell wachsenden Keimlinge in größeren Mengen und unter geregelten Bedingungen zu erzeugen.

Forscher am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB entwickeln eine steuerbare Keimanlage, mit der sie biochemische Prozesse, die während der Keimung im Samenkorn ablaufen, kontrollieren können. Die Abläufe werden zur Zeit in einer Anlage automatisiert. »Wir können durch geeignete Wahl von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftmenge verschiedene Keimstadien von Weizen oder anderen Körnern erzeugen. In Fütterungsversuchen soll das jeweils optimale Stadium ermittelt werden«, erklärt Dr. Manfred-Karl Otto aus dem IGB. Auf diese Weise können die Wissenschaftler Keimlinge in Chargen von zum Beispiel 100 kg herstellen.

Die gezielte Erzeugung solcher Keimlinge bringt eine Reihe von Vorteilen. Da die Zusatzfütterung von Phosphat, Zink und Vitaminen zum Teil wegfällt, sinkt neben den Kosten für das Futter auch die Umweltbelastung. Denn der Stickstoff- und Phosphatgehalt der Gülle würde sich verringern. Eine ganz andere Anwendung bietet sich in der Medizintechnik: Die stoffwechselaktiven Keimlinge sind eine Quelle für wertvolle, bisher ungenutzte Inhaltsstoffe. Sie enthalten unter anderem Antibiotika, Proteasehemmer oder Differenzierungsfaktoren.

Zum Jahreswechsel 1999/2000 gründeten die beteiligten Wissenschaftler ein Unternehmen, um die Keimlinge zu produzieren und zu vertreiben.