Tenside unter Kontrolle mit Tensioline

Presseinformation / 01. Juni 1998

Das Fraunhofer IGB entwickelte ein Gerät, mit dem sich die Konzentration von Tensiden in industriellen Prozeß- und Reinigungsbädern oder aber in Oberflächengewässern automatisch kontrollieren läßt.

Wenn im Frühsommer gelbe Blütenpollen das ganze Auto überziehen und die Sicht behindern, herrscht an den Autowaschanlagen Hochkonjunktur. Ob wie hier bei der Autowäsche oder beim Geschirrspülen und Duschen – immer sind es sogenannte Tenside, die für Sauberkeit sorgen. Tenside haben aufgrund ihrer Molekülstruktur die Eigenschaft, Unlösliches löslich zu machen und kommen daher auch in der Industrie vielfältig zum Einsatz. Ein Auto beispielsweise schließt nicht erst in der Waschstraße, sondern schon während seiner Fertigung Bekanntschaft mit Tensiden. Als Zusatz in Galvanikbädern führen sie zu einer gleichmäßigen Schichtabscheidung und lassen so verchromte Autoteile glänzen. In Waschbädern der metallverarbeitenden Industrie helfen sie, Karosseriebleche zu entfetten – wichtige Voraussetzung für die anschließende Lackierung.

Oft werden die Tenside dabei verbraucht. Will man aber Qualität von Produkten und Reinigung auf hohem Niveau sicherstellen, müssen die Tenside nachdosiert werden. Um die Kosten für Produktion und Entsorgung möglichst niedrig zu halten und darüber hinaus die Umwelt nicht unnötig zu belasten, ist daher eine ständige Kontrolle der Tensidkonzentration in den Prozeßbädern sinnvoll und notwendig. Bislang müßte man dafür Proben entnehmen und diese aufwendig im Labor untersuchen. Das kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern gefährdet auch die Sicherheit am Arbeitsplatz, da Galvanikbäder häufig giftige, gesundheitsschädliche Stoffe enthalten. Jetzt fanden Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart eine Alternative: Sie entwickelten ein Gerät namens »Tensioline«, mit dessen Hilfe die Tensidkonzentration in wäßrigen Lösungen automatisch bestimmt werden kann.

Hinter »Tensioline« verbirgt sich die Weiterentwicklung einer Methode, die Tensiometrie genannt wird: Gemessen wird die Oberflächenspannung einer wäßrigen Lösung, um daraus die gelöste Tensidmenge abzuleiten. Das Gerät ist einfach zu handhaben und kann zur parallelen Überwachung mehrerer Bäder eingesetzt werden. Sein größter Vorteil aber ist, so Dr. Christian Oehr, Abteilungsleiter für Grenzflächentechnik am IGB, »daß die Kontrollen ohne den Produktionsablauf zu stören online durchgeführt werden können, um so schnell auf Konzentrationsschwankungen reagieren zu können.«

»Tensioline« kann aber nicht nur in der Industrie genutzt werden, sondern auch neue Möglichkeiten für die Überwachung von Gewässern eröffnen. In fließenden Gewässern sind Tenside nämlich kein Zeichen für Sauberkeit. Im Gegenteil, sie sind giftig für Fische und Kleinlebewesen und entziehen dem Wasser als organische Belastung auch noch Sauerstoff. Ein automatisches Meßgerät, mit dessen Hilfe man Tensiden und deren Abbauprodukten in Flüssen und Bächen auf die Spur kommen könnte, wäre eine Bereicherung für den Umweltschutz.

Vorgestellt wurde »Tensioline« erstmals Ende April auf der Analytikmesse Analytica in München. Mittlerweile ist der zweite Prototyp im Bau. Das Verfahren ist anwendungsreif.